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Bindungs- und Verlustangst

Bindungs- und Verlustangst

Bindungsangst und Verlustangst gehören unmittelbar zusammen: Um Verlustangst zu entwickeln, muss man zunächst Bindung kennen -und verloren haben. Eine Bindung an einen anderen Menschen bedeutet immer auch das Risiko, den Verlust desselben (wieder) zu erfahren. Bei manchen Menschen führen Verlusterfahrungen (meist in der Kindheit) zu einer solchen inneren Leere oder Schmerzen, dass sie nicht mehr bereit sind, durch das Eingehen von Bindungen weitere Verluste zu riskieren. Bindung lässt sich verstehen als ein Lernprozess, gegenüber einem anderen Menschen Vertrauen aufzubauen. Dieses Vertrauen ist die
Grundlage, um eine dauerhafte Beziehung mit wechselseitiger Verantwortung auf freiwilliger Basis aufrechtzuerhalten. Die erste Bindung zwischen Mutter und Kind dient als Modell für die spätere Entwicklung. Gelingt diese Beziehung nicht oder kommt es zu einer für das Kind schmerzhaften Trennung, entsteht eine Angst vor Abhängigkeit und damit vor Nähe und Bindung.

Wie äussert sich Bindungsangst?

Bindungsangst kann sich äussern in einer Neigung zu Eigenbrötelei und wenig ausgeprägtem Verantwortungsgefühl gegenüber Sozialpartnern (Familie, Freunden). Oft besteht auch eine Neigung zum häufigen und schnellen Wechsel von Bezugspersonen.

Wie wird Verlustangst erlebt?

Üblicherweise setzt Verlustangst eine gefährdet erscheinende Bindung voraus. Oft drückt sich dann Verlustangst durch Eifersucht aus, hat also mit einem labilen Selbstwertgefühl zu tun. Die Bindungsangst hat in der heutigen Gesellschaft eine ganz neue Dimension erhalten: Die einen suchen in Fussgängerzonen kostenlose Umarmungen mit Schilderträgern, die Umarmungen freiwillig anbieten, so genannte „free hugs“. Dabei umarmen sich wildfremde Menschen und decken sich so ihr Grundbedürfnis nach Berührung und Nähe ab.

Andere befriedigen ihr Bedürfnis nach Nähe und Berührungen bei so genannten „Kuschelpartys“, die von einer psychologisch geschulten Person geleitet werden. Hier wird unter Anleitung Nähe erlebt, ohne dass es gleich einen Beziehungseffekt hat.

Wieder andere bezahlen viel Geld, um sich risikolos in der Berührungsindustrie, z.B. in Wellnessoasen berühren zu lassen. Eine ganze Berufsklasse sorgt dafür, dass der moderne Mensch trotz Stress und Einsamkeit nicht psychisch dekompensiert, sondern sich statt dessen in der Massage oder bei der Kosmetikerin etwas Gutes tun.

45 Zentimeter lassen wir in der Regel fremde Menschen an uns heran. Dringen diese weiter in unseren Intimbereich hinein, fühlen wir uns belästigt. Wellness-Therapeuten bezahlen wir (un)bewusst, dass sie diese Schranke – wenn wir dazu bereit sind – durchdringen. Ihnen vertrauen sich heute viele Menschen an.

Der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer kommentiert diese Entwicklung folgendermassen: Die Menschen sind in den letzten 20 Jahren, was Beziehungen anbelangt, ängstlicher geworden. Beziehungen sind zunehmend geprägt von Rückzug, Vermeidung, Blockaden. Viele Menschen sind so sehr verunsichert, dass sie ihr Grundbedürfnis nach Nähe, Berührung und Intimität lieber in einen professionellen Bereich auslagern, wo sie es kontrollieren können.

Die Zukunft selber gestalten heisst auch, sich mit seinen eigenen Bindungs- und Verlustängsten auseinander zu setzen. Diese Blockierungen, die einerseits zu einseitiger Lebensführung verleiten, andererseits auch die Folge einseitiger Lebensweise darstellen werden in der psychosozialen Beratung angeschaut und gelöst. Dieses Lösen aus der Fixiertheit ermöglicht es, sich ganzheitlich zu entfalten.

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