Diplomfeier HFP im psychosozialen Bereich

Diplomfeier HFP im psychosozialen Bereich

Diplomfeier der Absolventinnen und Absolventen der HFP im psychosozialen Bereich, 16. November 2017

Anlässlich der Diplomfeier durfte ich mit einer selber geschriebenen Geschichte den Absolventinnen und Absolventen gratulieren – herzlichen Dank dafür!

Geschätzte Diplomandinnen und Diplomanden

Auch ich gratuliere Ihnen zur erfolgreich bestandenen HFP im psychosozialen Bereich. Sie können zu Recht sehr stolz auf sich selbst sein! Wir alle hier in diesem Raum sind es nämlich ebenfalls.

Geschätzte Anwesende

Ich habe mir überlegt, wer an unserer Diplomfeier irgendwie immer zu kurz kommt und wenig Anerkennung für seine oder ihre Arbeit erhält. Nein, es sind nicht Sie, die Partnerinnen, Partner oder Freundinnen und Freunde der frischgebackenen HFPler im psychosozialen Bereich. Obwohl auch Sie, sicher, ganz viel zum Erfolg beigetragen haben.

Nein, ich spreche von unseren Klientinnen und Klienten, für die wir tagtäglich unsere Arbeit machen. Und hierzu habe ich eine Geschichte für Sie geschrieben. Ein Perspektivenwechsel – wie es unseren Klientinnen und Klienten gehen könnte, wenn Sie zu uns in die psychosoziale Beratung kommen. In meiner Geschichte erzählt der Klient Karl Hunziker seine Sichtweise wie er bei seiner psychosozialen Beraterin Erna Wullschleger die Beratungsstunden erlebt.

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind nicht immer rein zufällig. Aber hören wir uns doch die Erlebnisse von Karl an.

Ich selber habe das Gefühl, ich habe kein Problem. Aber meine Frau hat gemeint seit ich 50zig bin, hätte ich mich verändert. Ich sei nicht mehr der gleiche wie früher und dass ich auch schon seit zwei Jahren nicht mehr zufrieden mit meinem Job sei. Sie hätte alles mit mir probiert und komme einfach nicht mehr weiter. Gleichzeitig hat sie mir die Adresse von Erna Wullschleger hingelegt und gemeint, vielleicht wäre es ja gut für mich, einmal mit „jemand neutralem“ zu sprechen.

Das sind die Momente wo ich weiss, Karl, dem musst du dich stellen. Sind wir doch schon seit 23 Jahren verheiratet und ich kenne meine Frau und Sie mich, in und auswendig. So habe ich mir die Webseite angeschaut und ein wenig widerwillig einen Termin mit Erna Wullschleger vereinbart.

Auch etwas wiederwillig stehe ich nun vor ihrer Haustüre. Ich weiss auch nicht, ob das wirklich etwas bringt. Ich öffne die Türe, gehe mit dem Lift in den 4. Stock und klingle, trete ein und setze mich auf einen Holzstuhl neben dem Fenster und warte darauf, dass ich abgeholt werde. So wie es Frau Wullschleger am Telefon gesagt hat. An der Türe habe ich gelesen, dass es auch noch einen Psychiater, zwei Psychotherapeutinnen und einen Business Coach auf diesem Stock gibt. Ich überlege mir einen Moment ob es bei den Fenstern nicht Gitterstäbe bräuchte. Schliesslich kommen hier auch Leute hin, die richtig krank sind, nicht so wie ich. Man weiss ja nie was die für Gedanken haben.

Eine Türe geht auf, eine Frau kommt heraus, das muss sie sein. Auf dem Foto im Internet sieht Sie aber jünger aus. Sie trägt irgendeinen Rock, eine Bluse und keine Birkenstockschuhe. Das beruhigt mich. Sie begrüsst mich, fragt mich, ob ich den Ort gut gefunden hätte und fordert mich auf, ihr in die Praxis zu folgen. Es hat zwei Stühle, ein kleines Tischchen, einen Teppich und die Wände sind irgendwie leer. Es sieht so aus, als ob Sie noch nicht fertig mit einrichten ist. Bei meiner Frau ist immer alles ganz schön und am richtigen Ort. Sie stellt sich mir vor und ich höre ganz viele Wörter und Begriffe die ich vorher in meinem Leben noch nie gehört habe. Aber irgendwie scheint alles sehr wichtig zu sein. Es geht um das, was Sie hier genau macht.

Ich glaube unseren Beruf können wir nur dann wirklich gut ausüben, wenn wir zu uns selber und zu den Menschen, die uns nahe und wertvoll sind, Sorge tragen.

 

Danach sagt Sie zu mir, ich solle doch einfach erzählen um was es denn bei mir genau geht. Meine Frau hat zu mir gesagt, hier solle ich dann nicht sagen, dass Sie mich geschickt hätte. Also tue ich das nicht. Ich drücke mich so ein wenig herum und erzähle dann, dass ich letztes Jahr 50zig geworden bin, es im Job nicht so gut läuft und meine Frau gesagt hat, dass ich mich verändert hätte. Früher hätte ich mehr gesprochen und heute sei ich so in mich zurückgezogen. Frau Wullschleger stellt dazu ganz viele Fragen über meine Familie, meine Eltern, Ereignisse, einfach Sachen die ich schon lange vergessen habe – auch über Gefühle und so – ich verstehe nicht für was das gut sein soll. Hat sie mir überhaupt zugehört?

Dabei nickt sie immer wieder mit dem Kopf auf und ab und sagt mhh. Und dann wie aus heiterem Himmel sagt Sie zu mir: „Könnte das eine Midlife-Crisis sein, Herr Hunziker?“. Wow – denke ich! Nein, doch, das kann doch nicht sein, ich doch nicht! Eine Midlife-Crisis? Dass was ich habe soll eine Midlife-Crisis sein? Ich habe keine Ahnung und will es auch gar nicht wirklich wissen. Am Schluss hat meine Frau doch recht, dass irgend etwas mit mir nicht in Ordnung ist. Ich stotere etwas wie: „ähm, ja, vielleicht, ich weiss nicht! Und Irgendwie fühle ich mich erleichtert, besser, und mein Kopf kann einen Moment lang überhaupt nichts mehr denken. Er ist einfach leer oder blockiert. Ich weiss es nicht.

Wir verabreden uns für einen neuen Termin in zwei Wochen.

Inzwischen war ich schon 4x bei Erna Wullschleger. Das Gefühl, dass ich ein wenig widerwillig in die Beratung komme, konnte sich gut halten. Ich sitze wieder auf meinem Holzstuhl im Warteraum neben dem Fenster, gegenüber mir sitzt heute eine Frau mit einem starren Blick und mir kommen wieder die Gitterstäbe für die Fenster in den Sinn. Vielleicht sollte ich das einmal ansprechen.

Ein paar Minuten später sitze ich auf meinem Lederstuhl im Beratungszimmer. Frau Wullschleger trägt heute eine graue Hose, einen dunkelblauen Rollkragenpullover mit einer langen silbernen Kette und etwas Rundem dran. Dazu passende dunkelbraune Schuhe. Das gefällt mir irgendwie, ich sage aber nichts dazu. Frau Wullschleger ist heute anders als sonst. Ich weiss aber nicht wie anders.

Dann geht alles ganz schnell. Sie sagt, dass Sie gerne die heutige Beratungssitzung aufnehmen möchte, dies für irgendeine Prüfung, streckt mir ein Blatt Papier wo Einverständniserklärung darauf steht mit einem Kugelschreiber hin, und etwas überfordert, oder so, unterschreibe ich einfach. Sie sagt noch, dass Sie mich über das Resultat informieren werde. Dann legt Sie ihr iPhone auf das Tischchen und schaltet die Recorder-App ein. Ich solle mich davon nicht ablenken lassen. Aha denke ich!

Dann wie immer die Einstiegsfrage:“ Herr Hunziker, was hat sich seit der letzten Sitzung bei Ihnen verändert?“. Inzwischen überlege ich mir schon im Vornherein was ich hier sagen soll. So sage ich: „Gut!“. Sie sagt: „mhh“, schaut auf das iPhone, ich schaue auch auf das iPhone, ich glaube Sie ist heute irgendwie nervös.

Nach gut 20 Minuten Gespräch stellt Sie einen Stuhl circa 2 Meter gegenüber von mir in den Raum auf den roten Teppich und sagt: „Stellen Sie sich vor, ihre Mutter sitzt auf dem Stuhl, was trägt Sie für Kleider und wo schaut Sie hin?“. Aha – denke ich wieder! Da ist ein weiss lackierter Stuhl im Raum und der ist leer! Und da soll meine Mutter darauf sitzen. Irgendwie kriege ich das in meinem Kopf nicht zusammen. Schliesslich ist meine Mutter nicht im Raum anwesend.

Allerdings, Minuten später kann auch ich meine Mutter auf dem Stuhl sehen. Ich fange sogar an mit meiner Mutter die ich auf dem Stuhl sitzen sehe, die aber nicht da ist, über meine Gefühle und Empfindungen zu sprechen. Dann setze ich mich von einem Stuhl auf den anderen und Erna Wullschleger wiederholt das, was ich gerade gesagt habe, wie ein Papagei. Ich möchte das Erlebnis nicht meinen Freunden erzählen, die würden mich für verrückt halten. Überhaupt wissen die nicht, dass ich hier bin.

Sie sagt irgendwas von Gestalt. Aber das habe ich wieder vergessen. Das geht eine Zeitlang so hin und her und auf einmal sitze ich wieder auf meinem eigenen Lederstuhl und es fühlt sich auf einmal verdammt gut an. Ich habe keine Ahnung was gerade passiert ist. Aber es ist so, als ob eine grosse Last von mir gefallen ist. Sie fragt auch schon wieder penetrant nach: „Wie fühlt sich das an im Körper?“. Ich weiss nicht wie es sich anfühlt. Ich fühle mich einfach glücklich wie schon lange nicht mehr. Ich spüre wieder den Krieger in mir und denke: „Jetzt habe ich die Midlife-Crisis besiegt!“

Erna Wullschleger bedankt sich am Ende der Sitzung, dass Sie das Gespräch aufnehmen durfte. Ich habe das voll vergessen. Jetzt wo ich wieder darüber nachdenke, würde mich interessieren ob Sie die Prüfung bestanden hat. Für mich hat Frau Wullschleger auf jeden Fall bestanden. Mir geht es so gut wie lange nicht mehr – auch noch Wochen später. Ich verstehe immer noch nicht, was Sie macht, aber es tut mir gut. Ich gehe immer noch zu ihr, jetzt nur noch alle 4 Wochen. Ich bin froh, dass ich jemanden habe, die mir hilft meine Gedanken im Kopf zu sortieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das war ein kurzer Einblick in das innerpsychische Erleben von Karl Hunziker bei seiner psychosozialen Beraterin Erna Wullschleger.

Auch Ihnen wünsche ich solche Klienten wie Karl Hunziker, die sich ermutigen, und sich auf einen Beratungsprozess einlassen können. Damit Sie als psychosoziale Beraterin und Berater immer wieder Neues in der Beratung entdecken, dies von verschiedenen Perspektiven betrachten können und Sie sich neugierig und mit Freude auf den Beratungsprozess einlassen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich in das Erleben Ihrer Klientinnen und Klienten immer wieder neu versetzen, für die wir unsere Arbeit von Herzen, mit Liebe und aller Sorgfalt tagtäglich machen. Das jede Begegnung aufrichtig ist und es auf keinen Fall zur Routine wird.

Ich glaube unseren Beruf können wir nur dann wirklich gut ausüben, wenn wir zu uns selber und zu den Menschen, die uns nahe und wertvoll sind, Sorge tragen. Ich wünsche Ihnen auf dem persönlichen und weiteren beruflichen Lebensweg viel Freude, viel Erfolg und viele befriedigende Momente.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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